„Boah, ich wünschte, ich hätte dein Leben. Bei dir ist alles so perfekt!“ Diesen Satz höre ich oft. Und ja: Ich bin dankbar für mein Leben. Alhamdulillah. Aber was du auf Instagram siehst, ist immer nur ein Ausschnitt. Ein schöner Moment erzählt nicht den ganzen Tag.
Deshalb habe ich einmal zwei Posts an einem Tag geteilt. Der eine hätte zeigen können, wie gut gerade alles läuft. Der andere zeigte, was danach passiert ist. Beides war mein Leben. Beides gehörte zu mir.
Ein Tag, an dem scheinbar alles stimmt
Die Kinder waren pünktlich in der Kita. Meine To-do-Liste war schon vor zwölf Uhr abgearbeitet. Ich hatte ein zusätzliches Info-Reel gedreht, Sport gemacht und ein paar Bahnen geschwommen. Das Wetter war schön, meine Laune gefühlt bei 110 Prozent. Selbst die großen Ausraster der Kinder blieben an diesem Tag aus.
Selim war nicht da, und trotzdem hatte ich alles ganz gut gemeistert. Von außen betrachtet: eine Frau, die ihren Alltag im Griff hat. Eine Mama, die organisiert ist. Eine Content Creatorin, die abliefert. Bosslady eben.
Und hinter dieser Fassade? Da war trotzdem die Angst, es nicht zu schaffen. Dieses leise Gefühl, das auf keinem fertigen Reel zu sehen ist.
Du siehst den Moment, den ich teile. Du siehst nicht automatisch alles, was ich dabei mit mir trage.
23:23 Uhr. Und plötzlich ist sie da.
Die Kinder lagen im Bett. Endlich ein bisschen Zeit für mich. Netflix, Ruhe, einfach mal nichts mehr müssen. Von außen hätte auch das wieder nach einem perfekten Moment ausgesehen.
Dann kam sie. Mitten im Wohnzimmer, scheinbar aus dem Nichts. Mein Herz klopfte, mein Puls stieg, ich fing an zu zittern und bekam schlecht Luft. Gerade wollte ich noch abschalten. Jetzt war plötzlich alles in mir auf Alarm.
Es fühlte sich an, als würde sich mein größter Feind ungefragt neben mich setzen und sagen: „Na, hast du mich vermisst?“
Hallo Panikattacke.

Der Film, den mein Kopf ungefragt abspielt
Was mich diesmal genau getriggert hatte, wusste ich nicht. Das Thema dahinter kannte ich allerdings: die Angst vor schlimmen Krankheiten. Ein körperliches Zeichen, und mein Kopf springt sofort zur schlimmsten Erklärung.
Kopfschmerzen werden in meinen Gedanken zu etwas Bedrohlichem. Ein eingeschlafener Arm löst die nächste Sorge aus. Wenn mir bei einem meiner Kinder oder bei Selim etwas auffällt, geht dieser Film genauso weiter. Mein Kopf schreibt eine Geschichte, die ich gar nicht sehen will, und besetzt mich ungefragt mit der Hauptrolle.
Das sind meine Angstgedanken, keine festgestellten Diagnosen. Trotzdem fühlen sich diese Gedanken in dem Moment erschreckend nah an. Ich sitze in meinem Wohnzimmer – und bin innerlich längst in einem völlig anderen Szenario.
Genau das wollte ich mit meinem Post zeigen: Man kann tagsüber funktionieren, lachen, arbeiten und für seine Familie da sein. Und am Abend trotzdem mit etwas ringen, das andere nicht sehen.
Warum dieser Beitrag „Der Hu*ensohn“ heißt
Der harte Titel richtet sich gegen die Angst. Gegen dieses Gefühl, das ungefragt auftaucht und mir den Abend nimmt. Gegen den inneren Alarm, obwohl ich doch gerade einfach nur zur Ruhe kommen wollte.
Ich habe bewusst kein hübscheres Wort gewählt. In meinem ursprünglichen Post war es ein Ausdruck von Wut und Erschöpfung. So fühlt es sich für mich in solchen Momenten an. Und auch diese Seite möchte ich zeigen dürfen.
Ich kämpfe mich durch diesen Abend. Wenn die Angst nachlässt, bleibt nicht einfach nur Erleichterung. Es bleibt auch Erschöpfung. Und manchmal die Sorge, dass sie jederzeit wieder vor der Tür stehen könnte.

Ein schöner Feed erzählt nicht alles
Instagram ist eine Scheinwelt – oder zumindest eine Welt voller ausgewählter Ausschnitte. Wir zeigen, was wir zeigen möchten. Ein Bild verrät dir nicht, was kurz davor war, was danach kommt oder welche Gedanken hinter einem Lächeln stecken.
Meine schönen Momente sind deshalb nicht weniger echt. Ich freue mich über meine Familie, meine Arbeit und die Dinge, die mir gelingen. Aber meine Angst ist eben auch echt. Das eine löscht das andere nicht aus.
Wenn du also das nächste Mal durch deinen Feed scrollst und denkst: „Warum ist bei allen anderen alles so leicht?“, halte kurz inne. Du vergleichst gerade deinen ganzen Alltag mit einem kleinen Ausschnitt aus dem Leben eines anderen Menschen. Dabei bleibt vieles unsichtbar.
Du musst dein Leben nicht an meinem schönsten Bild messen.
Deshalb zeige ich auch diese Seite
Ich teile das, weil ich nicht möchte, dass mein Profil dir das Gefühl gibt, mit deinem eigenen Leben wäre etwas falsch. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Meines sieht man mir auf einem Foto nicht unbedingt an.
Ich bin dankbar. Ich habe gute Tage. Ich bin Mama, Ehefrau und kreativ. Und ich kenne diese Abende, an denen mir meine Angst alles andere aus dem Blick nimmt.
Vielleicht ist genau das die ehrlichste Antwort auf den Satz „Ich wünschte, ich hätte dein Leben“: Ich zeige dir gern die schönen Seiten. Aber heute wollte ich dir auch jemanden vorstellen, der mich im Verborgenen begleitet. Nicht, um mein Leben schlechtzureden. Sondern damit du deins nicht wegen meines Feeds kleinmachst.
Ein Tag. Zwei Posts. Und dazwischen ein Mensch.
Danke, dass du auch diese Seite von mir liest.
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